Formel-1

Ferrari Stallorder: Die Kirche im Dorf lassen

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Foto: imago images / HochZwei
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Wenn italienische Medien nach gerade mal drei Rennen der neuen Formel-1 Saison die Absetzung Vettels als Kapitän fordern (Corriere della Sera) und von einem „Albtraum-Rennen für Ferrari“ (La Repubblica) sprechen, Mercedes-Chef Toto Wolff von der „Büchse der Pandora spricht“ und deutsche Medien davon schreiben, dass Leclerc eine Erklärung fordert – dann wird es höchste Zeit einige Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Nach den Barcelona-Tests war in Ferrari-Land Italien noch alles in bester Ordnung: Ferrari hatte starke Qualifying-Runden und gute Longruns gezeigt. Charles Leclerc hat mit Zeiten auf dem Niveau von Sebastian Vettel gezeigt, dass er mit dem viermaligen Weltmeister mithalten kann.

Zudem hat Ferrari schon bei den Testfahrten in Spanien klar geäußert, dass man (aktuell) Sebastian Vettel bevorzugen würde. Warum denn auch nicht? Vettel hat viermal die WM gewonnen – das macht man nicht, wenn man kein Formel-1 Auto am Limit bewegen kann. Leclerc hat gerade eine Saison in der Formel-1 hinter sich und ist sicherlich sehr talentiert, dürfte aber mit gerade 21 Jahren noch nicht in der Lage sein, ein Team allein zu führen.

Soweit erstmal die Fakten, doch dann kam Australien und Ferrari fand so gar nicht statt. Zu allem Überfluss sah man auch, dass der 21-jährige Monegasse schneller unterwegs war als der viermalige Formel-1 Weltmeister. Ferrari macht das Beste aus der Situation: Stallorder pro Vettel (wie angekündigt) und man sicherte sich erstmal die Plätze 4 und 5 und wichtige Punkte für die Team- und Fahrer-WM.

Zwei Wochen später war Ferrari plötzlich das Maß aller Dinge und Charles Leclerc fuhr nicht nur Vettel sondern dem gesamten Fahrerfeld um die Ohren – Poleposition Nummer Eins in der noch jungen Karriere des Monegassen, unangefochten auf dem Weg zum ersten Formel-1 Sieg ausgebremst von einem technischen Defekt. Auch hier gab es eigentlich die Ansage von Ferrari, dass Leclerc nach seinem schlechten Start hinter Vettel bleiben soll – doch diesmal wagte der junge Charles schon den Aufstand: Klar schneller überholte er den Deutschen und brachte sich und seine rote Göttin in Front. Und das völlig zurecht: Vettel fand in dem zweiten Saisonrennen nicht zu seiner Weltmeister-Form, musste sich den eigentlich unterlegenen Mercedes in Form von Lewis Hamilton im Zweikampf geschlagen geben, beschädigt bei einem Dreher seinen Reifen, verliert den Flügel und muss am Ende einfach nur Punkte sammeln.

Anders die Situation in China: Vettel und Leclerc sind nahezu auf demselben Niveau unterwegs. Im Qualifying schlägt Vettel den Monegassen nur knapp, der holt sich jedoch auf der Strecke nach dem Start den dritten Platz. Es entwickelt sich ein Rennen, das zwei dominante Mercedes sieht und einen Leclerc, der sich weder von Vettel absetzen kann noch Bottas wirklich folgen kann. Ralf Schumacher und Martin Brundle attestieren dem Deutschen im TV zu diesem Zeitpunkt, dass er schneller fahren kann als Leclerc. Ferrari und Vettel sehen das auch so – Leclerc naturgemäß nicht.

Der Monegasse kann sich im Anschluss an das orchestrierte Überholmanöver von Vettel einige Sprüche in Richtung Boxenmauer nicht verkneifen, doch Vettel schafft es – nach einigen Anfangsschwierigkeiten mit blockierenden Reifen – mehr und mehr Abstand zwischen sich und seinen jungen Teamkollegen zu bringen. Im Anschluss wird es etwas hektisch, weil Red Bull mit einem Strategie-Trick Max Verstappen so in Position bringt, dass er Vettel und Leclerc gefährlich werden kann.

Ferrari muss plötzlich verteidigen und bringt Vettel als ersten Piloten an die Box – da Verstappen in der Zwischenzeit Leclerc schon virtuell ein- und überholt hat, entscheidet man sich dafür den Monegassen draußen zu lassen. Schmeckt das Leclerc? Natürlich nicht! Vettel wird später zu Protokoll geben, dass Charles natürlich vor ihm ankommen will aber, dass er auch genauso lieber vor Charles in Ziel kommt – es sind halt Rennfahrer. Im Anschluss kommt es für Leclerc noch schlimmer: Er wird von Ferrari als Bremsklotz vor Bottas eingesetzt – damit war das Rennen des Monegassen natürlich gelaufen.

Soweit erstmal die Fakten – hat sich Ferrari heute mit Ruhm bekleckert? Nein. Hat Red Bull den Italienern mit einem strategischen Kniff einen Platz abgeluchst? Ja! Haben nicht in der Vergangenheit schon andere (silberne) Teams einen ihrer Fahrer als Bremsklotz für die Konkurrenz verwendet? Ja! Unter rationalen Gesichtspunkten hat Ferrari einfach ein Rennen gefahren und die Plätze 3 und 5 geholt – hinter starken Mercedes und im Kampf mit guten Red Bull.

Im Anschluss an das Rennen hatte Vettel wenig Lust mit den Journalisten der Pressekonferenz über das Thema Stallorder zu sprechen, der Deutsche sprach von „schlechtem Journalismus“ von einzelnen Vertretern der Presse und er hat Recht!

In der heutigen Medienwelt zieht es eben besser, wenn man schreibt, dass Leclerc eine „Erklärung fordert“ als wenn man es einfach so darstellt, wie es sich wirklich zugetragen hat. Leclerc hat im Interview sehr überlegt folgenden Satz gesagt: „Ich muss mir die Daten ansehen und mit den Ingenieuren sprechen, um es zu verstehen. Vorher will ich keine dummen Kommentare abgeben“, nachdem er zuvor folgende Antwort gab: „Ich muss das komplette Bild verstehen und mit den Ingenieuren sprechen, um die Entscheidung zu verstehen. Ich bin mir sicher, dass es eine Erklärung dafür gibt.“

Ferrari hat eine sehr starke Fahrerpaarung und Vettel hat im vergangenen Jahr und in Bahrain 2019 Fehler gemacht, die Zweifel an seiner aktuellen Form aufkommen lassen. Vettel hat aber heute auch gezeigt, dass er Leclerc auf Distanz halten kann. Das größere Problem von Ferrari ist aber, dass man heute plötzlich mit Red Bull um Platz Drei kämpfen musste anstatt mit Mercedes um den Sieg kämpfen zu können.

Nach dem nächsten Grand Prix in Aserbaidschan wird man ab Barcelona die Europa-Rennen der Formel-1 2019 sehen und zu diesem Zeitpunkt kommen meist die ersten großen Updates. Wenn Ferrari es schafft Mercedes einzuholen, wird man in Maranello dann neu bewerten, welcher Fahrer zu diesem Zeitpunkt die besseren Chancen hat die WM zu gewinnen.

Insgesamt muss man aber die Kirche im Dorf lassen: Es sind bisher nur drei Rennen gefahren, mit drei sehr unterschiedlichen Leistungen des gesamten Ferrari-Teams. Leclerc ist ein aufstrebender, junger Rennfahrer, der sein Können gegen einen vierfachen Formel-1 Weltmeister beweisen will. Mit seiner Erfahrung und seinem bewiesenen Können ist Vettel jedoch (noch) die Nummer Eins im Team und Ferrari tut gut daran in der aktuellen Saison so viele Punkte wie möglich zu sammeln und sich darauf zu fokussieren Mercedes einzuholen.

Sören Pröpper
Motorsport und Formel-1 Fan seit den frühen 90er Jahren, hat Nigel Mansell noch im Williams gesehen und freut sich über fetten V8 Sound.

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